18. Sonntag im Jahreskreis, 31. Juli 2022

31. Jul 2022 | Ankündigungen, GuterGedanke, Spirituelles

Liebe Mitchristinnen, liebe Mitchristen, liebe Pfarrgemeinde!

Bevor wir das heutige Evangelium hören, möchte ich von einem spannenden Experiment berichten: Vor einigen Jahren hat in Deutschland ein Künstler folgendes Kunstprojekt realisiert:
In Frankfurt am Main, der Bankenmetropole schlechthin, im Schatten des Kapitals also hat er auf einem belebten Kirchenvorplatz aus 54.000 Stück 1-Centmünzen (€ 540,-) das Wort „Vertrauen“ gebildet, in großen Buchstaben, die Münzen einfach auf den Boden geschüttet,  insgesamt 5 Meter in der Länge. Das Geld lag dort also einfach auf der Straße, ohne Zaun und unbewacht.
Nun, mich hat das, als ich davon erfuhr sehr berührt und ich frage mich, wie ich im Vorbeigehen reagiert hätte. Hätte ich etwas dazugelegt? Hätte ich etwas davon eingesteckt? Und dann gespendet oder selbst verwendet? Was hätten Sie (Ihr) gemacht?
Im Internet hatte der Künstler zu Beginn seines Experiments seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass am Ende vielleicht mehr Geld sichtbar würde als zu Beginn. Er selbst ist sich jedoch unsicher, ob das Geld am Abend verschwunden sei oder doch länger liegen bleiben wird.
Es sollte jedoch anders kommen, ganz anders, das sei schon einmal verraten.


Aber hören wir nun unser heutiges Evangelium: LK 12, 15-21
In jener Zeit bat einer aus der Volksmenge Jesus:
Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen!
Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt?
Dann sagte er zu den Leuten: Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt. Und er erzählte ihnen folgendes Gleichnis:
Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er bei sich selbst: Was soll ich tun? Ich habe keinen Platz, wo ich meine Ernte unterbringen könnte. Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und eine größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast? So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist.


Ich finde in der Geschichte vom reichen Kornbauer zunächst nichts Ungerechtes: Er besitzt Felder, ist reich und hat das Glück einer sehr guten Ernte. Wir erfahren nichts darüber, wie er bisher mit seinem Reichtum umgegangen ist, ob er seine Tagelöhner gerecht entlohnt und sein Getreide fair verkauft hat. Er hat schon mehrere Scheunen. Er hat seine Gaben als Bauer genutzt und war mit unseren Worten also erfolgreich. Daran hat Jesus zunächst offensichtlich nichts auszusetzen.
Der reiche Kornbauer wird jedenfalls nicht für das, was er bisher erreicht hat, kritisiert. Das bedeutet für mich: Nutze das, was du hast, nutze deine Fähigkeiten und Begabungen, nutze die Pfunde, die Gott dir anvertraut hat. Sei achtsam mit dir selbst, mit dem was dir anvertraut ist.
Jetzt kommt aber der entscheidenden Punkt: Es geht um die Frage, was der Kornbauer aus seinem Reichtum macht. Er scheffelt noch mehr, braucht größere Scheunen, den die alten, zu klein geratenen weichen müssen. Damit begeht er den Fehler, der sich einstellt, wenn das Maß für Genug und Zuviel aus der Waage gerät, wenn Gier die Oberhand gewinnt. Er hat genug, nicht nur ausreichend. Er hat mehr als er braucht, und mehr als er jemals selber wird verbrauchen können.
„Dann werde ich zu meiner Seele sagen: ruh dich aus, iss und trink und freue dich!“ heisst es im Evangelium. Also eigentlich eine komfortable Situation: Ein Leben in der Gewissheit, genug zu haben, bis ans Lebensende. Ein Platz an der Sonne. Wer von uns hat nicht schon mal davon geträumt, wie das wäre, wenn ein Lottogewinn auf einen Schlag alle finanziellen Probleme lösen könnte und man sich alle Träume verwirklichen könnte. Nicht mehr arbeiten, und wenn, dann aus Spaß, nicht mehr sparen müssen für Auto, Haus, Urlaub, Ausbildung der Kinder, Pflege der Eltern oder was im Leben von uns allen so ansteht. Eigentlich eine komfortable Situation, aber eben nur eigentlich, denn es entsteht eine falsche Sicherheit, das macht Jesus deutlich. Der reiche Kornbauer vergisst, dass es im Leben keine endgültige Sicherheit gibt, auch nicht wenn sie vermeintlich finanziell abgesichert ist. Er misst also seinen angehäuften Reichtum viel zu viel Bedeutung bei.

Was hätte er denn tun sollen, der Kornbauer, im Sinne Jesu und vor Gott? Das ist nicht schwer zu beantworten. Abgeben und teilen, denn in Jesu Vorstellung von einer gerechten Welt haben eben nicht 5% der Bevölkerung über 50% des Gesamtvermögens.
In seiner Vorstellung von einer gerechten Welt, haben alle, auch Supermarkverkäuferinnen und die Pflegekräfte im Altersheim und im Krankenhaus, der Hausmeister und der Straßenkehrer, Kindergärtnerinnen, die Erntehelfer und -helferinnen und alle, die wichtige und schwere Arbeiten zu verrichten haben einen gerechten Lohn.
In seiner Vorstellung von einer gerechten Welt öffnet der reiche Kornbauer seine Scheunentore und schreibt darauf: „Sale“ und „Alles muss raus!“, gibt einen Sonderrabatt und veranstaltet ein Fest, damit alle etwas von seiner großen Ernte haben.

Ich komme zum Schluss, nein, doch noch nicht ganz: Wie war das also mit dem Experiment, mit dem Geld, das auf der Straße liegt und das Wort „Vertrauen“ bildet?
Bis in die Nacht hinein bleibt der Schriftzug nicht nur erhalten, sondern einige Passanten legen Geldstücke hinzu.
Menschen bringen das Wort „Vertrauen“ wieder in Form, nachdem ein Fahrradfahrer versehentlich drüber gefahren war.
Nach 14 Stunden löst sich der Schriftzug innerhalb einer Stunde auf, da einige wenige Passanten größere Mengen von Münzen einsteckten und damit die öffentliche Plastik zerstören.
Dann passierte etwas Unplanbares und völlig Überraschendes: 4 Jugendliche räumen den verbliebenen Großteil der Münzen ab und geben das Geld einem Obdachlosen.

Der Künstler Ralf Kopp schreibt dazu:
„Die wenigen Menschen, die sich das Geld aus Gier eingesteckt haben (ich meine nicht die Obachlosen) können die vielen positiven Momente nicht im Ansatz negativieren:
die vielen Menschen, die Geld dazu gelegt haben, die Reaktion der Jugendlichen mit dem Obdachlosen, die guten Gespräche und Diskussionen, die viele Menschen zum Nachdenken angeregt haben.“ Soweit also der Künstler.
Der eigentliche Ausgang des Experiments lässt also hoffen und kann uns bestärken im Vertrauen darauf, dass doch nicht alle Menschen von Gier und Habsucht getrieben sind. Dass Gerechtigkeit möglich ist, auch wenn vieles, gerade in der heutigen schweren Zeit, immer wieder dagegen spricht,
Jesus und sein Evangelium fordern uns auf, tagtäglich unseren Beitrag zu leisten. Unseren Beitrag zu einer gerechteren Welt!
Amen.
Ihr Thomas Sobottka
Pastoralassistent

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